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Wir holen die Lyrik aus dem Hinterzimmer


Junge Leute chatten, gehen ins Internet, streamen bei Netflix. Viele lesen gar keine Bücher mehr.

Welche Bedeutung hat da etwas so Spezielles wie Lyrik?


Malte Blümke Lyrik war noch nie eine Massenveranstaltung. Ich glaube, dass sie eine unterbewertete Gattung ist, die aber enormes Potential auch für junge Leute hat.


Haben Sie deshalb vor zehn Jahren die Lyrik-Woche Trier gegründet, quasi parallel zum Schulunterricht und dem 2008 gegründeten Bundeswettbewerb „Lyrix“, bei dem Sie als Bundesvorsitzender des Friedrich-Bödecker-Kreises auch engagiert sind?


Blümke Als Lehrer und Lehrerinnen haben wir immer wieder im Unterricht Lyrik behandelt und auch im Abitur Lyrikthemen gestellt. Dabei haben wir festgestellt, dass Schüler und Schülerinnen durchaus einen Zugang zur Lyrik bekommen, wenn sie die ersten Schwierigkeiten dieser verdichteten Sprache überwunden haben. Allerdings werden in der Schule meist Autoren der Literaturgeschichte wie Schiller, Trakl oder Rilke durchgenommen. In unseren Workshops arbeiten zeitgenössische Lyriker und Lyrikerinnen mit den jungen Leuten, die viel näher an den Jugendlichen dran sind. Dabei wollen wir junge Leute mit der verdichteten Sprache in Verbindung bringen. Zudem wollen wir erreichen, dass sie in eigenen Texten ihr Lebensgefühl, ihre Wünsche, Ängste und Empfindungen in dieser Sprache ausdrücken.


Wie gehen Sie dabei ganz konkret vor?


Blümke Wir laden Lyriker und Lyrikerinnen ein, die in die Schulen oder wie in diesem Jahr in die Trierer Museen gehen und dort mit den Jugendlichen arbeiten. Von den professionellen Lyrikern verfasste Referenzgedichte geben dabei Impulse.


Wieso gehen Sie ausgerechnet ins Museum, wenn Sie die jungen Leute ermuntern wollen, sich via Lyrik mit ihrer eigenen Gegenwart auseinanderzusetzen?


BLÜMKE Beim Bundeswettbewerb ist es so, dass der Deutsche Museumsbund vor einigen Jahren mit eingestiegen ist. Wir haben die Idee mit den Museen dann aufgenommen. An der Lyrik-Woche 2023 beteiligen sich das Rheinische Landesmuseum, das Stadtmuseum Simeonstift, das Museum am Dom und das Karl-Marx-Haus. Uns geht es bei unserem Museumsbesuch darum, die Schülerinnen und Schüler aus der Alltagssituation der Klasse herauszunehmen, ihnen Highlights zu bieten und neue Impulse zu geben.


In welcher Form beteiligen sich die Museen?


BLÜMKE In diesem Jahr ist das Motto unserer Lyrik-Woche „Im Westen nichts Neues“ nach dem Titel des Romans von Erich Maria Remarque. Wir wollen bei unseren Museumsbesuchen zeigen, dass in Trier eine enge Verbindung zum Westen besteht. Die Museen veranstalten für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Führungen und stellen Exponate zur Verfügung, wie den Napoleonbecher im Simeonstift, die dann mit den Lyrik-Themen in Verbindung gebracht werden.


Das ist ohne Frage ein durchdachter didaktischer Ansatz. Aber sollten junge Leute nicht eher über sich selbst statt über museale Exponate schreiben? Die eigene subjektive Wirklichkeit ist schließlich ein grundsätzliches Anliegen der Lyrik und schon gar der zeitgenössischen. Dass junge Leute dazu das Bedürfnis haben, erleben wir alle Tage in der Pop-Musik, die schließlich auch eine lyrische Sparte ist.


BLÜMKE Wie gesagt, die Exponate sollen nur Impulse geben. Der entscheidende Punkt ist, dass wir professionelle Lyriker und Lyrikerinnen mit den Jugendlichen zusammenbringen. Unter den eingeladenen Lyrikerinnen ist dieses Jahr Hanna Jansen, die bei Kelberg in der Eifel lebt und die Schreibwerkstatt „Junge Talente schreiben“ gegründet hat. Für den Bundeswettbewerb hat sie ein Gedicht geschrieben, das „Triptychon“ heißt, bei dem es um Geburt und Tod und die Zeit dazwischen geht. Inspiriert von diesem Gedicht können junge Leute zum Beispiel über ihre Erfahrungen und Gefühle schreiben.


Wie frei sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Schreiben? Wie halten sie es mit dem Verhältnis von Spontanität und Qualität?


BLÜMKE Natürlich achten wir auf Qualität. Die Texte müssen sich nicht reimen, aber einen Rhythmus haben. Ansonsten sind die Schüler frei, auch was die Formate angeht. Auch digitale Formate wie YouTube oder WortSport sind erlaubt. Es muss nur eine lyrische Form sein, wir wollen keine Erzählungen oder Romane.


Wie alt sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lyrik-Woche und woher kommen sie?


Blümke Unsere Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind dieses Jahr zwischen 12 und 16 Jahren und kommen aus Schulen aus Trier und der Region. Auch eine Gruppe aus der Schreibwerkstatt von Hanna Jansen macht mit, zudem eine Gruppe eines Gymnasiums aus Echternach. Außerdem nimmt in diesem Jahr eine Gruppe ukrainischer Schülerinnen und Schüler aus zwei Trierer Gymnasien teil.


Wie wählen Sie die Autorinnen und Autoren aus?


Blümke Wir haben gute Kontakte über den Bundeswettbewerb. Grundsätzlich lege ich Wert darauf, Autoren und Autorinnen auszuwählen, die wir persönlich kennen und nicht nur über ihr Werk, um sicher zu gehen, dass sie mit jungen Leuten gut umgehen können. Es ist eine bunte Mischung. In diesem Jahr besteht sie neben Hanna Jansen aus Safiye Can, Martin Piekar und Bas Böttcher. Zudem haben wir mit Yaroslava Black zum ersten Mal eine Autorin aus der Ukraine dabei.


Ein Jahrzehnt Lyrik-Woche Trier: Was ist ihr Fazit?


Blümke Ich muss sagen, die Lyrik-Woche ist eine ganz ausgezeichnete Sache, weil wir ganz anders an die jungen Leute herankommen als im klassischen Deutschunterricht, in dem es Noten gibt und man sich nach dem Lehrplan richten muss. Manchmal verschlägt es einem geradezu die Sprache, was für tolle Ideen die jungen Leute entwickeln. Ich finde, dass die junge Generation extrem kreativ ist, und manchmal Ideen hat, die professionelle Autoren nicht haben.



Die Fragen stellte Eva-Maria Reuther.

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